Der zehnte Tag unsere Reise begann mehr oder weniger ausgeschlafen in Butare. Nach einer ruckeligen Fahrt auf einer unbefestigten Straße kamen wir leicht durchgeschüttelt bei der Kooperative Koakaka-Karambi an, die sich mit der Verarbeitung von lokal geernteten Kaffee-Bohnen beschäftigt. Insgesamt bringen 1036 Bauern im Umkreis von 24km ihre Bohnen zur Weiterverarbeitung an diesen Ort. Die Weiterverarbeitung erfolgt in zwei Fermentationsphasen, die jeweils 7-12 Stunden andauern, und einer Trocknungsphase von bis zu 12 Tagen.

 

Ein Bauer, der für die Kooperative arbeitet, besitzt im Durchschnitt 400-550 Bäume und kann damit ca. 600-800 Kilo Bohnen anliefern. So bekommt er umgerechnet 50 Cent pro Kilo.

 

Der Fair Trade-Bonus pro Kilo beläuft sich auf 44 Cent, der aber nicht an die Bauern, sondern an die Kooperative geht. Diese nutzt den Zusatz für Investitionen, Reparaturen und Instandsetzungen. Das Geld, welches danach noch übrig bleibt, wird an die Bauern ausgezahlt.

 

Dieser Kaffee kostet fertig verarbeitet und geröstet in Berlin 35 Euro pro Kilo, es kommen also weniger als o,1% des in Deutschland am Kaffee verdienten Geldes bei den Bauern an. Zwischenhändler sorgen für die extreme Preissteigerung, da sie auch am Produkt verdienen wollen. Unsere Vorstellung vom Fair Trade-Handel wurde durch diese Information stark verändert, dazu muss man aber hinzufügen, dass herkömmliche Bauern in einer deutlich schlechteren Position sind und noch weniger an ihren Erzeugnissen verdienen.. So kann man trotzdem davon sprechen, dass die Kooperative eine verbesserte finanzielle Situation für die Bauern bewirkt und Fair Trade-Handel durchaus zu unterstützen ist.

 

Nach diesem informativen Rundgang fuhren wir weiter, um ein Gesundheitszentrum in Gikonko zu besuchen. Der Weg erwies sich jedoch als nicht sonderlich einfach. Ein Loch in der Straße musste gefüllt werden, um ein Durchfahren unseres Busses zu ermöglichen, daher suchten wir gemeinsam Holzstämme, um mit ihnen die Vertiefung auszugleichen. Trotz der erschwerten Umstände kamen wir schließlich an unserem Ziel an und wurden freundlich empfangen. Nach einem leckeren Mittagessen bekamen wir alle wichtigen Fakten über das ruandische Gesundheitssystem und die Arbeit vor Ort.

Ruanda ist in 30 Distrikte unterteilt, diese sind wiederum in einzelne Sektoren gegliedert und in jedem dieser Sektoren ist ein Gesundheitszentrum auffindbar. Diese Zentren beschäftigt sich mit der primären medizinischen Versorgung, der „untersten“ Basis, also den am häufigsten verbreiteten Krankheiten. Anders wenn ein Mensch eine schwerwiegende oder seltene Krankheit hat, in diesem Fall wird er in eines der Distrikt-Gesundheitszentren, die besser ausgestattet sind und sich auch auf solche Krankheiten spezialisiert haben, gebracht.

Das Zentrum in Gikonko ist eine Ausnahme, da die Ärztin vor Ort aufgrund ihres medizinischen Know-hows verschiedenste Operationen durchführen kann, obwohl es sich bei dem Krankenhaus nicht um ein Distrikt-Gesundheitszentrum handelt. Beispiele für vor Ort durchführbare Behandlungen sind Geburten, die Entfernung von Tumoren und die Behandlung von Knochenbrüchen.

 

Die Leiterin des Gesundheitszentrums und zugleich einzige Ärztin in Gikonko ist Uta Düll, eine ursprünglich aus Baden-Württemberg kommende Deutsche, die eine qualifizierte Chirurgin ist. Im Krankenhaus ist sie für 26.000 über ein großes Gebiet verteilt lebende Menschen zuständig, was für uns eine unvorstellbare Zahl ist. Viele Menschen legen gezwungenermaßen riesige Entfernungen zurück, um die dringend gebrauchte medizinische Versorgung zu bekommen. Strecken zum nächstgelegenen Krankenhaus, die in Deutschland nicht vorstellbar wären.

 

Schon seit dem Genozid 1994 ist Uta in Ruanda tätig, um den Menschen in Not zu helfen. Sie gehört dem Orden der Missionsbenediktiner an, im Gesundheitszentrum arbeiten mit ihr gemeinsam noch drei Ordensschwestern, welche aber keine Ärzte sind. Wir waren verwundert darüber, dass von ihnen trotzdem Eingriffe ausgeführt werden, die man in anderen Ländern nur Ärzten anvertraut. Sie helfen bei OPs und legen Verbände an, wie es bei uns Assistenzärzte tun würden. Typische Aufgaben einer Krankenschwester wie wir sie kennen werden hingegen von sogenannten ,,Krankenhütern'' übernommen, bei ihnen handelt es sich um Angehörige der Patienten. Sie kochen für die Kranken und kümmern sich anderweitig um die von ihnen begleitete Person. Das Krankenhaus selbst sorgt nicht für die Nahrungsversorgung, was bei uns in Europa nicht vorstellbar wäre.

  

Das Team des Zentrums besteht aus Ärzten, Krankenpflegern/Krankenschwestern und weiterem Personal, so sind insgesamt 52 Menschen im Gesundheitszentrum tätig.

 

Dazu gehören auch drei Gesundheitsarbeiter, welche durch die Dörfer gehen gehen und Kranke darauf aufmerksam machen, dass sie ins Krankenhaus gehen sollten, wobei es sich anders als von unserer Gruppe erwartet um keine Selbstverständlichkeit handelt. Viele ärmere Menschen suchen aufgrund von Problemen bei der Finanzierung der Behandlungen erst einen Arzt auf, wenn es bereits zu spät ist. Die Arbeiter halten auch nach Schwangeren Ausschau, damit diese rechtzeitig zur Vorsorge gehen.

 

Das Krankenhaus ist das einzige Gesundheitszentrum in Ruanda, welches Kinder mit Wasserkopf operiert. Daher erlangte es Bekanntheit, sodass Kinder aus ganz Ruanda und aus den angrenzende Nachbarländern nach Gikonko gebracht werden, um von Uta operiert zu werden. Folglich aus der fernen Anreise resultieren Schwierigkeiten dabei, die jungen Patienten zurück zur wichtigen Nachsorge zu bringen. Für diese Problem wird noch nach einer Lösung gesucht.

 

 

Am heutigen Tag lernten wir viel über das ruandische Gesundheitssystem, daher durften auch die Versicherungen nicht fehlen. In Ruanda gibt es eine private Krankenversicherung, eine solche haben aber nur 4% der Bevölkerung. Der Großteil der Bevölkerung hat eine staatliche Krankenversicherung, in der es Einstufungen in vier Schichten ( ganz arm, Unterschicht, Mittelschicht, Oberschicht) gibt. Die Ärmsten müssen gar nichts bezahlen und werden vom System mitgetragen. Die Reichsten zahlen entsprechend einen höheren Beitrag als beispielsweise die Mittelschicht, so ist der zu zahlende Betrag vom sozialen Stand abhängig. Obwohl die Menschen durchschnittlich ,,nur'' 4 Euro pro Jahr bezahlen müssen, ist dieser Preis häufig schon bis zu einem Drittel des Monatsgehalts und ist somit alles andere als unerheblich. So gibt es immer noch Familien, die keine Möglichkeit haben, die Versicherung zu finanzieren und somit im Krankheitsfall auf große Probleme stoßen.

 

 

Ein Punkt, in dem Ruanda zu unserer Überraschung fortschrittlicher ist als Deutschland, ist die Lieferung von Blutkonserven für Operationen. Per Whatsapp kann je nach Dringlichkeit in sehr kurzer Zeit die Drohne mit Blut losgeschickt werden, die schon nach wenigen Minuten eintrifft. Diese Moderne Technik ist seit Mitte 2016 in Betrieb. Auch positiv zu vermerken ist, dass Jungen sich jetzt beschneiden lassen können, um besser vor HIV geschützt zu sein, täglich werden im Gesundheitszentrum ca. 15 Jungs beschnitten.

 

Ein anderes großes Thema für Uta Düll ist die Sozialarbeit, die für sie nie klar von der Arbeit im Gesundheitszentrum trennbar ist. Zum Beispiel finanziert sie durch Spenden von Organisationen und Privatpersonen neue Häuser und Kleidung für extrem arme Familien in der Umgebung. Bessere Lebensbedingungen und höhere Hygienestandarts, nur mit Bekämpfung der Armut verwirklichbar, führen zum Rückgang von vielen Krankheiten, daher der Zusammenhang zur medizinischen Arbeit.

 

 Zur Verdeutlichung des Zusammenhangs war es notwendig, die Lebensverhältnisse der Menschen mit eigenen Augen zu sehen. Also machten wir uns auf den Weg zu einer freundlichen und überaus entgegenkommenden Familie, die uns ermöglichte, einen Blick in ihr Haus zu werfen. Dabei handelt es sich in Ruanda genauso wenig um eine Selbstverständlichkeit wie in Europa. Die von uns besuchte achtköpfige Familie zählte zur Mittelschicht und somit nicht zu den Ärmsten. Zu ihrem Besitz zählten mehrere Ziegen, eine Kuh und viele Hühner, die Hygiene war aber nicht optimal, was zusammen mit dem nicht abgekochten Trinkwasser zu vermehrten Krankheitsausbrüchen führen kann. 

Danach besuchten wir den Wohnort einer der Unterschicht angehörenden Familie, so wurde uns noch ein weiteres Mal deutlich, welche schwierigen Lebensbedingungen für einige Menschen in Ruanda herrschen.

 

 

Fazit:

 

 

Wir fanden es sehr beeindruckend, wie viel Uta Düll schon bewirkt hat und dass sie nicht aufhört, sehr viel Arbeit in das Krankenhaus und die soziale Arbeit zu stecken.

Am heutigen Tag erlebten wir das Leben in Ruanda aus einer völlig neuen Perspektive. Solche tiefen Einblicke in das Leben der Bevölkerung, wie wir sie bei den Familien in den Häusern bekamen, hatten wir zuvor noch nicht bekommen können. Außerdem ist uns ein weiteres mal klar geworden, wie viele Dinge wir als völlig selbstverständlich ansehen, obwohl sie es nicht sind. Die Möglichkeit, in der Nähe einen Arzt aufsuchen zu können oder sauberes Trinkwasser zur Verfügung zu haben schienen für uns als normal, dass es Menschen gibt, die solche Privilegien nicht haben, wussten wir bereits. Es ist aber nicht das gleiche, in Deutschland zu sitzen und über Missstände zu hören, oder etwas in Wirklichkeit zu sehen. Die Möglichkeit, Probleme Anderer einfach auszublenden war nicht mehr da, wir tauchten in eine Welt ein, welche wir zuvor nur theoretisch kannten.

 

Eine neue Erkenntnis für viele von uns war auch, dass schon ein geringer Betrag einen großen Unterschied machen kann, ein paar wenige Euro können die Krankenversicherung einer Familie zahlen und somit vielleicht ein Leben retten, wenn die Menschen dadurch Zugang zu einer Gesundheitsversorgung haben.

 

 

 

 

 

 

Jennifer Fink, Benedict Seidel und Hannah Kösters